Beinarbeit. Immer wieder diese Beinarbeit. Lautlos. Schwebend. Hach Steffi, warum hast du uns verlassen? Hätte sich die Welt nicht etwas anderes als Altern oder Schmerzen einfallen lassen können? Wir würden noch heute nachts aufstehen um dich spielen, pardon, siegen zu sehen. So schauen wir heute, sagen wir, beiläufig, auf tennisspielende Damen mit Oberarmen, die lieber Oberschenkel wären. Auf den Ball prügelnd, dass Gegner und Physik ja nicht auf die Idee kommen, einen Return zu wagen. Es ist langweilig geworden. Mehr Schrotflinte als Florett. Despotinnen, wo früher die Gräfin regierte. Die Welt spricht kaum noch von dir. So soll’s sein. Für dich. Familie statt Instagram. Löffel statt Schläger. Unzählige, auf Sockel gestellte Menschen, die das nicht geschafft haben. Das Leben nach dem Sockel? Das Härteste. Irgendwann verkommen selbst 900 Siege in Profispielen zu einer Zahl. Der Wert ist endlich.

Am Fuße des Sockels

Liebe Steffi, vielleicht bist du auch die ewige Ode an meine eigene Jugend. Von Frotteeschlafanzug bis Führerschein. Egal ob nachts in New York oder tagsüber in Paris. Sand, Rasen, Hartplatz. „Fräulein Forehand“ war immer da. Und mit ihr eine Zeit, in der Themen wie „Steuerbetrug“, „Außereheliche Affären“ und „Elterntrennung“ weit weg schienen. Zumindest für einen von uns. Immer wieder Cross, immer wieder Slice. Dazwischen eine mentale Stärke, die über den Court hinaus reichte. Und wieder diese Beinarbeit. Als Kind gingen dir die Gegner aus, also spieltest du gegen Erwachsene. Keinen Fehler zweimal machen. Auch in der eigenen Familie. Seit 20 Jahren Funkstille. Raus aus der Presse. Raus aus Deutschland. „Ach, der Große hat schon den Führerschein?“. Letztens sah ich dich nochmal spielen. Nichts Ernstes. Aber diese Beinarbeit. Fünfzig. Echt? Heute? Wie geht es dir? Und wie geht es eigentlich Gabriela Sabatini? Die eigene Kindheit ist lange vorbei. Die Jahrhundertsportlerin bleibt. Am Fuße ihres eigenen Sockels. Irgendwo da hinten steht Steffi Graf.


Die gesammelte Kolumne „Gedanken von textmarka“ findet ihr hier.

Fotocredits: ©SPIEGEL ONLINE

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